Reisetipp: Knochenkirche bei Prag

70831891_5daf9db69f_mEs gibt bestimmte Orte, die auf Menschen mit Hang zu dunkler oder morbider Ästhetik eine besondere Anziehungskraft ausüben. Die Knochenkirche Kostnice in der Nähe der tschechischen Hauptstadt ist solch ein Ort. Das Untergeschoss der Kirche wurde mithilfe Tausender menschlicher Knochen äußerst kunstvoll gestaltet. Seit meinem Besuch dort vor ein paar Jahren habe ich nie wieder etwas Ähnliches gesehen, allerdings bin ich nicht im Bilde darüber, wie viele derart gestaltete Beinhäuser es tatsächlich gibt. Allen Pragtouristen lege ich den Besuch der Kirche auf jeden Fall nahe, ist es doch ein sehr ungewöhnlicher Anblick, der sich einem dort bietet.

Die historische Stadt, in der die Kirche zu finden ist, trägt den Namen Kutná Hora (Kuttenberg auf Deutsch) und liegt etwa 70 Kilometer außerhalb von Prag. Sedletz, bzw. Sedlec auf Tschechisch, heißt der Stadtteil, in dem die Kirche auf einem alten Friedhofsgelände steht. Der Friedhof hat eine lange Geschichte und diente bereits im 14. Jahrhundert als letzte Ruhestätte für etwa 30.000 Tote. Diese hohe Zahl ist vor allem auf die mittelalterliche Pestepidemie zurückzuführen. Im darauf folgenden Jahrhundert kamen durch die mehrere Jahre andauernden Kriegsschlachten der Hussitenkriege zahlreiche weitere Tote hinzu. Im 15. Jahrhundert war es auch, dass die besagte gotische Kirche an dieser Stelle erbaut wurde. Der Friedhof wurde nach und nach aufgelöst und die Leichenüberreste exhumiert. So wurde der untere Teil der Kirche schließlich zum Beinhaus für die Knochen von etwa 40.000 Toten, die einst auf dem Friedhof, teilweise in Massengräbern, zu Grabe getragen worden waren. Interessant fand ich, dass einige der in Kostnice ausgestellten Schädel deutliche Beschädigungen aufweisen, die von den besagten Kriegen zeugen.

70831990_4e23f08b14_mVerantwortlich für die noch heute vorhandene üppige Ausschmückung des Beinhauses zeichnet das Fürstengeschlecht Schwarzenberg, in dessen Besitz die Kirche Mitte des 19. Jahrhunderts überging. Die Familie betraute einen Holzschnitzer namens František Rint mit der Aufgabe, den Innenraum möglichst künstlerisch zu gestalten. Das Resultat aus Rints Arbeit ist eine in der Tat künstlerische, etwas bizarre Sehenswürdigkeit, die alljährlich viele Besucher nach Kutná Hora lockt. Bei der Gestaltung fanden die Überreste von ca. 10.000 Menschen Verwendung. Wohin das Auge blickt, finden sich Schädel und Knochen, die zu kunstvollen Objekten arrangiert wurden. Besonders faszinierend fand ich den Kronleuchter. In diesem prachtvollen Exemplar sind beinahe alle der 206 Knochen, aus denen ein menschliches Skelett besteht, enthalten. In einem Szene-Club würde der sich bestimmt auch gut machen…muss ja nicht aus echten Knochen sein. Der Leuchter ist aber bei Weitem nicht das einzige beeindruckende Knochen-Gebilde von Kostnice. Die Wände und Deckenbögen sind ebenfalls mit Gebeinen verziert. Auch das imposante Familienwappen der Schwarzenbergs fällt ins Auge. Zudem wurden große Mengen der im Gebäude gelagerten Knochen zu vier Pyramiden geformt.

70832160_5793ea41a8_mEs ist wirklich erstaunlich, was dort mit menschlichen Knochen angestellt wurde. Eine solch überwältigende Menge so dekorativ weiterverwertet – mir hat das durchaus gefallen. Den Toten wird damit meiner Meinung nach großer Respekt gezollt. Wessen Überresten wird schon eine solche Ehre zuteil! Zumal die auf dem Sedletzer Friedhof begrabenen Verstorbenen in ihren anonymen Grabstätten andernfalls wohl keinerlei Beachtung mehr gefunden hätten. Nun bestaunen Tausende Besucher die Knochen und was der Künstler aus ihnen gemacht hat. Das Beinhaus dürfte Gläubige wie Atheisten gleichermaßen interessieren. Allerdings kann ich mir vorstellen, dass diese Art der Innenraumgestaltung nicht jedermanns Geschmack trifft. Wer sich durch echte menschliche Gebeine nicht abgeschreckt fühlt, der wird die morbide Atmosphäre der Kirche sicher zu schätzen wissen. Es ist ein seltsam schöner Ort, der von vergangenen Zeiten erzählt und zum Nachdenken anregt. Der Abstecher von Prag aus lohnt sich unbedingt.

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